Warum nimmt eine Familie HIV-positive Pflegekinder auf? Anstrengende, herausfordernde Kinder, die nicht nur an ihrer Erkrankung leiden, sondern auch daran, dass sie zuvor nicht die Fürsorge und den Schutz bekommen haben, die sie brauchen.
Die Geschichte von Benjamin und Merle*, erzählt von ihrer Pflegemutter.
Benjamin ist sechs Jahre alt, ein ausgesprochen hübscher, sehr zarter Junge mit großem Charme, den er für seine Bedürfnisse einzusetzen weiß. Er spricht deutlich, auch für Außenstehende inzwischen gut verständlich. Wenn es ihm gut geht! Seine Fähigkeiten sind in einem hohen Maße von seinem Allgemeinbefinden abhängig. An manchen Tagen spricht er verwaschen, seine Energien benötigt er dann zur Kompensation seiner gesundheitlichen Belastungen: Er ist seit seiner Geburt HIV-positiv.
Vor zweieinhalb Jahren kam Benjamin als Pflegekind zu uns: Der damals Vierjährige hatte bis dahin sein Leben in einem Heim für mehrfachbehinderte Kinder verbracht und war schwer hospitalisiert. Wie Benjamin zu uns kam? Zu meiner beruflichen Tätigkeit bei einem Träger der freien Jugendhilfe gehörte die Bearbeitung von Anfragen der Jugendämter zur Unterbringung von Kindern in Erziehungsstellen. Eine davon betraf Benjamin, für den trotz intensiver Suche keine geeignete Familie gefunden werden konnte. Mir und später meiner ganzen Familie ging dieses Kind nicht mehr aus dem Sinn.
Wir begannen uns intensiv mit Aids zu beschäftigen, lernten zu differenzieren zwischen Aids und einer HIV-Infektion und diskutierten bei jeder Gelegenheit über dieses Thema. Irgendwann waren wir uns sicher: Wir wollen dieses Kind kennen lernen und bei gegenseitiger Sympathie möchten wir mit Benjamin zusammenleben. Als wir den Jungen erstmalig auf dem Arm einer Erzieherin sahen, war es für meinen Mann und mich "Liebe auf den ersten Blick". Im Laufe der nächsten fünf Monate lernten wir Benjamin bei zahlreichen Besuchen näher kennen. Schon damals waren wir fasziniert von seinem Charme, seiner Dickköpfigkeit, seinem Humor und seiner zutiefst anrührenden frechen Liebenswürdigkeit.
Wir holten ihn über zunehmend längere Zeiten zu uns nach Hause. Wir waren schockiert über die Unmöglichkeit, gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen, dachten ganz naiv: "Wenn wir ihm nur das richtige Angebot machen, dann wird er schon essen", wurden aber sehr bald eines Besseren belehrt. Die Verweigerung von Essen machte uns zunächst hilflos. Wir waren entsetzt über die völlige "Unerzogenheit". So warf Benjamin zum Beispiel jedes gefüllte Glas durch die Gegend, Regelverhalten schien ihm völlig fremd. Zusammentreffen mit anderen Kindern eskalierten heftig. Er schien nur das Ziel zu haben, andere Kinder zu schlagen und Spielsachen zu zerstören. Kuscheln, gemeinsames Lesen von Büchern, übliche Freizeitgestaltung - das alles war unmöglich.
* Zum Schutz der Kinder und der Familie haben wir alle Namen verändert.